Eine neue Elise? Entdeckung beleuchtet berühmtes Beethoven-Werk

Eine kürzlich entdeckte Musikhandschrift aus dem frühen 19. Jahrhundert lässt Musikwissenschaftler aus aller Welt spekulieren, ob sie der wahren Identität der Widmungsträgerin von Ludwig van Beethovens berühmter Bagatelle Für Elise einen Schritt näher gekommen sind. 

Das bisher unbekannte Stück für Orgel und Akkordeon wurde Anfang des Jahres in einer Kirche in der norddeutschen Hafenstadt Kiel entdeckt. Musikwissenschaftler, die in einem interdisziplinären Team die historische Kuneus-Gesellschaft für Seenotrettung vom Delphin (KuGeSeDe) untersuchen, waren in der Pfarrkirche St. Ausonia (RISM-Bibliothekssigel: D-KIaus), als sie eine überraschende Entdeckung machten.

In einem zerfetzten Karton hinter der Orgel fanden sie ein Musikmanuskript mit der Jahreszahl "1801", das den Titel "Pour Nathalie | auf dem Weg nach Sankt Peterburg" trägt (siehe Abbildung) und am Ende Nikolaus Kuneus, dem Namensgeber von KuGeSeDe, zugeschrieben wird. Bis zu diesem Zeitpunkt war nicht bekannt, dass Kuneus auch komponiert hatte. Dieses Werk, das bereits in der RISM-Datenbank (RISM ID No. 1001106374) katalogisiert ist, weist eine auffällige Ähnlichkeit mit Beethovens Für Elise auf, das weniger als zehn Jahre später entstand.

"Der Beethoven-Zusammenhang ist sofort ersichtlich, sobald man die ersten Noten betrachtet", sagte die Musikwissenschaftlerin Adelheid Hoek kürzlich dem Kieler Tagesblatt. "Wenn man die Noten nimmt und nur eine grobe Umkehrung spielt, dann hat man den Grundriß für die Für-Elise-Melodie", fügte sie hinzu. 

Hoeks Kollege Reimar Lyne spekulierte, dass "Beethoven dieses Manuskript gesehen haben muss, vielleicht während der bekannten Reisen des Kieler Organisten G. C. Apel nach Wien, und einfach die melodische Richtung änderte, den Titel vom Französischen ins Deutsche übersetzte und nur einen etwas anderen Namen benutzte. Und - Beethoven ließ den Akkordeon-Part weg."

Der Katalogisierer Raban Sincker erklärte: "Dass Beethovens Ikone Für Elise im Wesentlichen eine Adaption von bereits existierendem Material ist, veranlasst uns, Kuneus Widmungsträgerin, diese 'Nathalie', die mit großer Wahrscheinlichkeit die 'echte' Elise ist, genauer zu betrachten”. Er erklärte weiter, dass "der Zeitpunkt dieser Entdeckung im Beethoven-Jahr 2020 nicht besser sein könnte".

Nachforschungen im Kirchenarchiv von St. Ausonia ergaben, dass Kuneus bereits 1782 in Kiel tätig war, nachdem er zuvor in Freiburg im Breisgau Orgel und Theologie studiert hatte. In Kiel spielte er die Orgel in St. Ausonia, wurde dann aber um 1791 Seemann. Ladungslisten im Kieler Stadtarchiv belegen häufige Reisen zwischen Kiel und St. Petersburg, wo er mehr als einmal von einer "Nathalie S." begleitet wurde, über die fast nichts bekannt ist. Die Spuren der beruflichen Tätigkeit von Kuneus nach 1820 verlieren sich; er findet noch Erwähnung in regionalen Zeitungen mit Ankündigungen zu Musiksalons im Odenwald. Pour Nathalie scheint die einzige Komposition von Kuneus zu sein.

Pour Nathalie von Kuneus wird in genau einem Jahr seine moderne Erstaufführung mit historischen Instrumenten und Kostümen feiern, so Hoek, Lyne und Sincker.

Kategorie: Wiederentdeckt



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