Das Jacques Offenbach Jahr – Klischees und Legenden

Gastbeitrag von Dr. Ralf-Olivier Schwarz (Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main), Autor des neuen Buchs Jacques Offenbach – ein europäisches Porträt (Böhlau: Köln and Wien, 2018).

Am 20. Juni 2019 feiert die Musikwelt ein besonderes Ereignis. Jacques Offenbach, einer der vielleicht bedeutendsten Komponisten des 19. Jahrhunderts, würde 200 Jahre alt. Es ist zu hoffen, dass das Offenbach-Jahr – der Komponist wird nicht nur in seiner Geburtsstadt Köln, sondern auch in Paris und an vielen anderen Orten gefeiert – das Bild schiefe, schöne Bild, das seit Jahrzehnten die Offenbach-Rezeption bestimmt, in Frage stellen wird. Es ist Zeit, mit Klischees und Legenden aufräumen.

Denn über keinen der Komponisten des 19. Jahrhunderts ist – bis heute! – so viel dummes Zeug erzählt worden wie über den „Erfinder der Operette“. Das Offenbach-Bild strotzt nur vor netten, bunten Abziehbildern. Etwa die wild kreischenden jungen Damen, die in keck wirbelnden Röcken einen tollkühnen Spagat vollführen. Oder der sterbenskranke Komponist, der im Angesicht des nahenden Todes seiner zeitlebens so leichtfüßigen Feder nun endlich das langersehnte Meisterwerk, sein künstlerisches Vermächtnis entlockt. Nur: Offenbach hat niemals die frivolen, beineschwingenden Damen in seinen Werken auftreten lassen, der ,,French Cancan“ ist vielmehr eine kommerzielle Tanzmode, für die man Jahre nach seinem Tod seine Musik okkupierte. Offenbach ist auch nicht der Komponist von hunderten Operetten, der, geängstigt von der Vergänglichkeit des leichten Genres, am Ende seines Lebens endlich Seriöses schreibt, „Hoffmanns Erzählungen“, über deren Vollendung er dann stirbt. Diese Legende hält sich unausrottbar. Aber sie ist ein sentimentaler Unfug. Tatsächlich ist der Offenbach’sche Kosmos enorm: vom überdrehten Höllengalopp aus „Orpheus in der Unterwelt“ über das sprichwörtliche „Pariser Leben“ bis zur schillernden Barcarole aus „Hoffmanns Erzählungen“, von Kammermusik über Lieder zu sinfonischen Ouvertüren...

Geboren wird der spätere Komponist am 20. Juni 1819 in Köln als Jacob Offenbach, Sohn des Musiklehrers bzw. jüdischen Kantors Isaak Offenbach. Der Junge zeigt frühzeitig musikalisches Talent am Violoncello, er hilft mit Auftritten in Gasthäusern, das Familieneinkommen aufzubessern. Als er auf seinem Instrument in Köln nichts mehr lernen kann, bringt ihn der Vater im Herbst 1833 nach Paris, der „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“. Mit der Abreise aus Köln entscheidet sich der Lebensweg des jungen Musikers. Er wird, mit nur wenigen Unterbrechungen, die der großen Politik geschuldet sind, bis zu seinem Tod in Paris wohnen bleiben. Hier wird aus dem jüdischen Kantorensohn Jacob alsbald der quirlige Theatermusiker Jacques. Er verdient seinen Lebensunterhalt als Cellist in Theaterorchestern, macht Karriere als Virtuose in den Salons und wird 1850 musikalischer Leiter der bedeutendsten französischen Sprechbühne, der Comédie francaise.

Anlässlich der Weltausstellung 1855 schließlich gründet er sein eigenes Theater, die Bouffes-Parisiens. Hier feiert er Erfolge mit rührseliger Miniaturoper einerseits und mit spöttischem Klamauk andererseits. Spätestens mit der „Erfindung“ der Operette, mit der Uraufführung von „Orpheus in der Unterwelt“ 1858, wird er weltberühmt. Nunmehr jagt ein Welterfolg den anderen. Offenbachs Werke werden überall gespielt: in Paris, Wien und Berlin, aber auch in London, Madrid, St. Petersburg, Kairo, New York... Markenzeichen und Erfolgsrezept des Offenbachschen Musiktheaters ist es, jedweder Autorität zu misstrauen – nicht nur politischer, sondern eben auch religiöser oder ästhetischer Autorität. Deshalb gehören das Spiel, der Spott, die Karikatur, die Parodie, die Satire so wesentlich dazu: überall lauert ein doppelter Boden: „Das Publikum soll lachen. Aber nicht über harmlose Nebensachen, sondern darüber, daß gefährliche Hauptsachen sich bezwingen lassen.“

Mit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 ist die Zeit der überdrehten Späße vorbei. Von verschiedensten Seiten angegriffen – mal als „Deutscher“, mal als „Franzose“, und irgendwie immer auch als „Jude“ – muss Offenbach sich neu erfinden. Gleichwohl ist die Legende von dem vereinsamten, erfolglosen Offenbach ein gewaltiger Unfug. Im Gegenteil: Er feiert nach wie vor Erfolge, mit prächtigen Zauberopern, „Feerien“, und mit fein durchkomponierten Opéra-comiques – aber seine Werke beherrschen nicht mehr so unangefochten die europäischen Bühnen wie noch wenige Jahre zuvor. Ab 1877 schließlich entstehen „Hoffmanns Erzählungen“: Offenbachs heitere Muse wird nunmehr hoffmannesk, gedreht, ins Gespenstische getaucht, mit einem tiefsinnig romantischen Sujet ausgestattet. Als der Komponist schließlich, nach langer Krankheit, am 5. Oktober 1880 in Paris stirbt, sind „Hoffmanns Erzählungen“ zwar weitestgehend zu Ende komponiert, aber noch nicht uraufgeführt. Sein auf dieser Art nachgelassenes Werk wird zu einem der größten Opernerfolge überhaupt – den er leider nicht mehr miterlebt.

Offenbachs Werk nimmt in vielerlei Hinsicht die Moderne vorweg. So erlebt sein Schaffen – inmitten der abgründigen Katastrophen des 20. Jahrhunderts – eine gewaltige Renaissance. Künstler und Schriftsteller wie Max Reinhardt, Karl Kraus oder Siegfried Kracauer bescheren der „Offenbachiade“ einen unerwarteten Frühling, der auch lange nach 1945 noch anhält. Gleichwohl muss heute festgestellt werden, dass sich die Offenbach-Forschung nach wie vor in den Kinderschuhen befindet. Dies hat – ungeachtet der im akademischen Umfeld ja nicht seltenen Geringschätzung vermeintlich „leichter“, unterhaltender Genres – nicht zuletzt auch mit der Quellensituation zu tun.

Offenbachs Nachlass ist tatsächlich weit verstreut. Bis heute befinden sich viele Archivalien, der Öffentlichkeit nicht zugänglich, in privaten Sammlungen, nur gelegentlich tauchen einzelne Autographen, Skizzenblätter oder auch andere Objekte aus dem Nachlass bei Auktionen auf – nur um alsbald wieder in einer anderen Privatsammlung zu verschwinden. Natürlich findet sich durchaus Einiges in öffentlichen Bibliotheken, nicht zuletzt in der Bibliothèque nationale in Paris. Hier ist noch lange nicht alles „entdeckt“ – denn auch hier gilt: Die „genres mineurs“, zu denen vielfach die „Operette“ oder genauer: die Offenbach’sche „Opéra-bouffe“ gezählt wird, hat bislang wenig konservatorische Wertschätzung erfahren.

Eine große Ausnahme hingegen ist zu nennen. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann das Historische Archiv der Stadt Köln, nicht zuletzt durch den Aufkauf einiger bedeutender Privatsammlungen, einen bedeutenden, ja für jeden Forscher unumgänglichen „Bestand Offenbach“ aufzubauen. Wäre es nicht so tragisch gewesen, so hätte man es für einen geradewegs aus einer Offenbach’schen Opéra-bouffe kommenden „coup de théâtre“ halten können, dass ausgerechnet dieses grandiose Archiv im März 2009 einstürzte und im ach so geschichtsträchtigen Kölner Erdboden versank. Denn hier fanden sich nicht nur prachtvolle Erstdrucke oder Libretti, sondern eben auch Offenbachs gewaltige Korrespondenz, unzählige Skizzenblätter – und nicht zuletzt auch bislang unbeachtete Werke, die der wissenschaftlichen Aufarbeitung harrten. Trotzdem: Es gibt auch die guten Nachrichten im Offenbachjahr 2019. Denn tatsächlich ist, nur zehn Jahre nach dem Einsturz des Stadtarchivs, der weitaus größte Teil des Offenbach-Bestandes erhalten – und wieder zugänglich! Die Offenbach-Forschung nimmt ihren Lauf, mit einigen jüngeren musik- und geschichtswissenschaftlichen Studien zum Schaffen des Kölner Komponisten, mit mehreren internationalen wissenschaftlichen Symposien 2018 und 2019, die ein neueres Interesse an ihm dokumentieren, und nicht zuletzt auch mit einer neuen Sichtbarkeit, die Offenbach gewinnt, insbesondere auch in seiner Heimatstadt Köln. Von wissenschaftlicher Seite bleibt zwar noch viel zu tun – ein Anfang ist aber gemacht.

 

 

 

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