Bericht über elektronische Datenlieferungen für das RISM am Beispiel von CZ-Bu: Voraussetzungen, Vorgehensweise und Bestandsbeschreibung

In den vergangenen zwei Jahren erhielt die RISM Zentralredaktion eine Reihe von elektronischen Datenlieferungen aus Italien, Frankreich, den USA und Tschechien, wobei die tschechische Lieferung „nur“ 2.078 Katalogisate von Musikhandschriften beinhaltete. Die Ausgangsdaten der Lieferung aus dem tschechischen Brünn von der „Moravská zemská knihovna v Brně“ (die frühere Universitní knihovna, RISM-Sigel CZ-Bu) waren im MARC-Format gespeichert, was eine Einspielung in das ebenfalls MARC-basierte Katalogisierungs-Programm Muscat beim RISM erleichtert hat. Aber die Katalogisate waren ganz in der tschechischen Sprache gehalten, so dass nach einer stichprobenartigen Sichtung der Lieferungsdatei durch mich festgestellt wurde, dass man die Daten zwar von MARC-Feld zu MARC-Feld weitgehend kompatibel einspielen konnte, für die Termini der Normdaten aber eine weitere arbeitserleichternde Lösung finden musste. So stellte ich für die Schlagworte eine zweispaltige Konkordanzliste (tschechisch/ englisch) her, die es unserer IT ermöglichte, in der Lieferdatei die jeweiligen tschechischen Termini in die beim RISM gebräuchlichen englischen umzusetzen. Eine zweite Konkordanzliste bezog sich auf die Einordnungstitel. Auch hier konnten tschechische Termini in englische umgesetzt werden. Mit Hilfe der dritten Liste wurden tschechische Begriffe zu den Materialarten ins Englische gebracht. In einem zweiten Schritt konnten die überarbeiteten Daten ins Produktivsystem Muscat eingespielt werden.

Damit waren die eingespielten Daten jedoch noch nicht publikationsfähig. Von der RISM-IT wurden deshalb alle Katalogisate auf „In Progress“ gesetzt, was soviel heißt wie „nicht publizieren“. Jedes Katalogisat musste von mir redaktionell bearbeitet und an die Richtlinien des RISM weiter angepasst werden, um es nach Abschluss der Sichtung auf „Published“ setzen zu können. Diese Anpassung an das RISM-Format erleichtert später die Lesbarkeit der Katalogisate und ihre Suchbarkeit im Online-Katalog des RISM.

Die Links zu den Katalogisaten im Brünner Onlinekatalog haben wir ebenfalls nach Muscat migiriert. Zusätzlich verlinkte CZ-Bu auch Graphiken der Musikincipits und die alten gescannten Karteikarten der früheren mährischen Universitätsbibliothek, die heute Mährische Landesbibliothek heißt (s.o.). Die Scans der alten Karteikarten enthalten Musikincipits und weitere Informationen, die über das elektronische Katalogisat im Brünner Onlinekatalog hinausgehen. Auch digitale Fotos von Titelblättern waren mit den Katalogisaten verlinkt. Diese Links haben wir alle übernommen; die Scans, die Graphiken und die originalen tschechischen Katalogisate dienten mir bei der Redaktion der eingespielten Katalogisate in Muscat.

Der Musikhandschriftenbestand von CZ-Bu weist Quellen des 18. Jahrhunderts bis in unsere Zeit hinein auf, wobei es aus dem 20. Jahrhundert bis in 21. Jahrhundert hinein noch eine ganze Reihe Abschriften von Werken des späteren 18. Jahrhunderts gibt, die zu privaten Studienzwecken und fürs Musizieren von Hand kopiert wurden. In der Regel waren Musikdrucke die Vorlagen. Dabei weist das Repertoire neben Musik von internationaler Bedeutung auch Werke nationaler und regionaler Bedeutung auf. Der am häufigsten vorkommende Komponist ist „Mr. Anonymus“ mit 89 Einträgen gefolgt von Franz Krommer mit 76. An dritter Stelle steht Johann Baptist Vanhal mit 57 Quellen-Katalogisaten. Wolfgang Amadeus Mozart steht mit 38 Einträgen an achter Stelle. Osvald Chlubna bildet mit drei Werken das Schlusslicht unter den Komponisten.

Wie bereits erwähnt, gibt es im Bestand nur 89 anonym überlieferte Quellen. Das sind ca. 4,5% des Bestandes. Diese ungewöhnlich geringe Anzahl erklärt sich mit der Werkauswahl der kopierten Vorlagen durch die Schreiber, einer vor Ort gründlichen Autopsie der Quellen und Werkidentifizierung durch Incipitvergleich. Mein Anteil an Identifizierungen ist dabei schon gering und beläuft sich auf sechzehn Einträge.

Der Anteil der Autographe ist mit 284 Quellen relativ hoch. Das sind rund 13,5% des Bestandes. Die meisten autographen Werke stammen von tschechischen respektive mährischen Komponisten. Das sind vor allem Otto Zweig mit 43 Werken, Karel Růžička mit 32 oder Gustav Bosanyi mit 18 Autographen.

Besonderheiten im Bestand sind z. B. ein Liedautograph aus dem Jahre 1952 von Milan Kundera mit dem Titel Píseň o loučení“ (dt. Lied zum Abschied, RISM ID Nr. 553014479)
Aus den zwanziger Jahren gibt es einzelne Quellen von Gelegenheitsmusiken zur Arbeiterolympiade in Prag wie zum Beispiel Karel Krammels „Triumfální pochod Dělnické Olympiady 1921“ (dt.: „Triumphmarsch der Arbeiterolympiade 1921“; RISM ID Nr. 553013169) oder Musikstücke zu Turnübungen wie František Stupkas „Prostná cvičení dorostenek“ (dt.: „Einfache Übungen für Nachwuchssportler“; RISM ID Nr. 553013161) von 1946. Die älteste Quelle datiert auf das Jahr 1696. Es ist eine Sammlung von 19 italienischen Arien für Sopran und Basso continuo. Die Vokalwerke stammen von Francesco Gasparini, Giovanni Bononcini, Giacomo A. Perti und Luigi Mancia (RISM ID Nr. 553013031).

Darüberhinaus gibt es für Sie in dieser Datenlieferung von CZ-Bu im RISM-Onlinekatalog noch viel mehr zu entdecken. Es ist ein Bestand mit einer großen Vielfalt an Quellen und Musikwerken, der nicht geschlossen ist, sondern offen in alle Richtungen zeitlich wie musikalisch. Viel Freude dabei und Erfolg bei der Arbeit mit den Katalogisaten.

Abbildung: Árie italských mistrů ze 2. pol. 17. století pro soprán a basso continuo / Italienische Arien aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, p. 5; CZ-Bu RKPMus-0763.835; RISM ID No. 553013031 Online verfügbar

Kategorie: Bibliotheksbestände



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