Neue Funde zur französischen polyphonen Messe (1587-1626)

Der folgende Beitrag stammt von Laurent Guillo:

Im November 2016 wurde in der Bibliothèque de Fels (Institut catholique de Paris; RISM-Sigel: F-Pic) ein Band mit 26 Musikdrucken des Pariser Verlegers Ballard aus den Jahren 1587 bis 1626 wiederentdeckt. Zu Beginn befinden sich 14 polyphone Massen von Orlando di Lasso - gedruckt zwischen 1587 und 1617 - darunter fünf bisher unbekannte Ausgaben (Missa Ad placitum 4v. und Dic Domina 5v. von 1607, Missa Jager 4v. und Domine Dominus noster 6v. von 1613, Missa Quinti toni 4v. von 1617). Für fast alle diese 14 Werke ist es die einzige Überlieferung in Frankreich (andere finden sich nur in London und Köln).

Weiterhin gibt es 12 Drucke mit Werken von Jehan (Jean) Titelouze, Hugues de Fontenay, Eustache Du Caurroy, Claude Le Jeune, Jean de Bournonville und Pierre Lauverjat. Auch diese Funde sind außergewöhnlich. Darunter befinden sich die Erstausgabe von Du Caurroys Missa pro defunctis 5v. (1610, bekannt durch einen Nachdruck von 1636) und Missa Ave Maria 4v. von Bournonville (1618, bekannt durch den Nachdruck von Bogard 1619). Unbekannte Werke sind die beiden (bisher) verlorenen Messen von Du Caurroy (Quam dilecta tabernacula 4v. und Quam bonus Israel 4v., 1610), die erste Messkomposition von Fontenay (1622, ein in Bordeaux wirkender Komponist), eine neue Vertonung des Magnificat secundum octo modos von Bournonville (1614) und vier Messen von Titelouze (In ecclesia 4v., Votiva 4v., Cantate 6v., Simplici corde 6v., alle aus dem Jahr 1626). Dieser Komponist hat mit seinen Hymnen und Magnificat von 1623 und 1626 die Eckpfeiler der französichen Orgelschule gelegt.

Dieser Band spiegelt das Repertoire wider, das vermutlich in den französischen Kirchen der Zeit gesunden wurde: eine Mischung aus Meistern der Spätrenaissance - wie Du Caurroy und Lassus - und der ersten Generation französischer Meister des 17. Jahrhunderts, die - wie Titelouze - dem barocken Einfluss gefolgt sind. Der Grund, warum dieser Band bisher nicht entdeckt wurde, bleibt im vagen verborgen: er stammt aus der Musikbibliothek der Minims von Paris, die zum persönlichen Gebrauch des Theoretikers Marin Mersenne eingerichtet wurde und 1912 in die Bibliothek überging ...

Bibliographische Details finden Sie in: Laurent Guillo, Découverte à la bibliothèque de Fels (Institut catholique de Paris) d’un recueil de messes contenant des œuvres retrouvées de Titelouze, Du Caurroy, Fontenay et Bournonville (Paris, 1587-1626), in: Revue de musicologie 102 (2016), S. 379-394.


Abbilidung
: Jehan Titelouze, Missa Simpli corde 6v. Paris: Pierre I Ballard, 1626. Paris, Institut Catholique: b.258(24).

 

Kategorie: Wiederentdeckt



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