Johann Baptist Wanhal und die erste Wiener Schule

Der folgende Beitrag erschien zuerst im "In the Muse" Blog der Library of Congress und stammt von Paul Sommerfeld, der derzeit die reichen Bestände an Musikdrucken seiner Bibliothek in RISM überarbeitet. 

Die Erwähnung Wiens im späten 18. Jahrhundert erinnert häufig an bekannte Komponisten wie Mozart, Haydn und Beethoven. Da ich aber an einem Projekt beteiligt bin, das Musikdrucke vor 1800 und Musikhandschriften an RISM meldet (Répertoire International des Sources Musicales, eine Open-Access-Datenbank mit der Sie sehen können, welche Bibliothek eine bestimmte gedruckte Partitur oder einzigartige Notenhandschrift besitzt), möchte ich einen vierten Namen der Liste hinzufügen: Johann Baptist Wanhal (1739-1813).

Anlässlich des 280. Geburtstages von Wanhal am 12. Mai wollte ich über seine beeindruckende Musik und seine interessante Karriere berichten sowie über die laufenden Bemühungen der Musikabteilung, unsere Partituren vor 1800 zugänglicher zu machen.

Wanhal - ein böhmischer Komponist, Geiger und Lehrer - blieb zeitlebens in Österreich aktiv; er zog in den frühen 1760er Jahren nach Wien. Obwohl manche Leser den Namen Wanhals unter der Schreibweise Jan Křtitel Vaňhal wiedererkennen, benutzte Wanhal selbst die Schreibweise „W“, ebenso wie seine Wiener Zeitgenossen. Die neuere Schreibweise entstand im 20. Jahrhundert als moderne tschechische Form nach dem Zweiten Weltkrieg.

Wanhals Zeitgenossen bestätigten seine Position als einer der führenden Komponisten seiner Zeit. Der einflussreiche Schriftsteller Charles Burney schrieb, dass einige von Wanhals Kompositionen „insbesondere seine Symphonien, mir ein so ungewöhnliches Vergnügen bereiteten, dass ich nicht zögern sollte, sie für viele Instrumente, die die Kunst der Musik zu bieten hat, zu den vollständigsten und perfektesten Kompositionen zu zählen.“ Burney schrieb später, dass Wanhals „temperamentvolle, natürliche und unberührte Symphonien“ denen von Haydn vorausgingen, zumindest in England. [1] Tatsächlich wissen wir, dass Wanhal 1784 sogar in einem Quartett spielte - vielleicht auf dem Cello - mit Haydn, dem Komponisten Carl Ditters von Dittersdorf und Mozart selbst.

Warum nennen wir Wanhals Namen nicht im selben Atemzug mit Haydn, Mozart und Beethoven? Die Antwort ist nicht, dass Wanhals Musik nicht so gut ist. Die Antwort liegt vielmehr darin, wie sich Einzelpersonen in der Vergangenheit dafür entschieden haben, einen Komponisten über einen anderen zu setzen, und wir diese Bildung des Kanons in der Gegenwart fortsetzen. Aber ich schweife vom vorliegenden Thema ab.

Andere Wissenschaftler hören eine Affinität zu Mozart und dem frühen Beethoven in Wanhals Musik, aber ich sehe Wanhals Karriereentscheidungen als ebenso interessant an. Im Gegensatz zu Haydn arbeitete Wanhal den größten Teil seiner Karriere als freier Komponist. Die letzten dreißig Jahre seines Lebens verbrachte er ohne einen beständigen aristokratischen Wohltäter - er zählt zu den ersten Wiener Komponisten, die dies taten. Als Reaktion auf den sich ändernden Geschmack des Wiener Publikums in den späten 1770er Jahren hörte Wanhal auf, die so hochgelobten Sinfonien Burneys zu komponieren. Stattdessen konzentrierte er sich auf Musik für Klavier, kleine Kammerensembles und Kirchenmusik. Er richtete diese Musik an ein bürgerliches Publikum, deren Verkauf ihm die Mittel an die Hand gab, ein bescheidenes, aber wirtschaftlich unabhängiges Leben zu führen.

Wanhals Gattungsauswahl an Kompositionen eröffnete ihm einzigartige Möglichkeiten, die aufkeimende Wiener Musikverlagsbranche zu beeinflussen. In den folgenden Jahren gaben die Wiener Verlage über 270 Drucke von Wanhals Musik heraus. Ausländische Verlage wie André, Hummel, John Bland und Robert Bremner halfen bei der Verbreitung seiner Musik und bildeten ein Modell für die Komponisten, die ihm im 19. Jahrhundert folgten, ein Vorbild.

Publikationen wie die von Wanhal sind es, die das laufende Projekt der Musikabteilung lenken, bei dem Wissenschaftler, Interpreten und die Öffentlichkeit wissen sollen, welche Drucke und Handschriften vor 1800 die Musikabteilung besitzt. In den letzten Monaten habe ich Komponisten mit dem Buchstaben "W" ins Visier genommen, so bin ich auf Wanhal gestossen. Bei der Überprüfung unseres Zettelkatalogs (da wir für einen Teil unserer Arbeit noch Zettelkataloge benötigen) auf in RISM genannte Drucke fand ich über 50 von Wanhal veröffentlichte Partituren aus dem späten 18. Jahrhundert in der Sammlung der Musikabteilung, die nicht gemeldet worden waren. Meine Kollegin Susan Clermont (deren Name Sie vielleicht von ihrem letzten Beitrag über Baseballmusik kennen) und ich haben über diese und viele andere Partituren berichtet, um sie zugänglicher zu machen.


Die Abbildungen in diesem Blog-Beitrag stammen alle aus Partituren, die kürzlich an RISM gemeldet wurden. Nur die Zeit wird zeigen, welche weiteren Schätze zur Kenntnis genommen werden müssen. In der Zwischenzeit können Sie in unserem Online-Katalog nach weiteren Partituren vor 1800 suchen.


[1] Paul Bryan, Johann Wanhal, Viennese Symphonist: His Life and His Musical Environment (Stuyvesant, NY: Pendragon, 1997), xix.


Abbildungen von oben nach unten:

1: Johann Baptist Wanhal. Ölgemälde von Joseph Willibrod Mähler im Besitz der Gesellschaft der Musikfreunde, Wien, in: Johann Wanhal, Viennese Symphonist: His Life and His Musical Environment.

2: Ein Beispiel für die Klavierwerke, auf die sich Wanhal später in seiner Karriere konzentrierte. Johann Baptist Wanhal, Cinq Variations pour le piano forte no. 3, “Das bittende und dankende Mädchen” (Bonn: Simrock). M27.W Case, Music Division, Library of Congress. RISM ID no. 990065838

3: Artaria war einer der ersten Wiener Verleger, der Wanhals Musik veröffentlichte. Johann Baptist Wanhal, Tre Sonate per il Forte piano o Clavicembalo (Vienna: Artaria). M23.W24 op. 30 Case, Music Division, Library of Congress. RISM ID no. 990065693

4: Die erste Seite eines besonders erlesenen Adagio-Satzes in einer Klaviersonate von Wanhal, gedruckt in Tre Sonate per il Forte piano o Clavicembalo (Vienna: Artaria). M23.W24 op. 30 Case, Music Division, Library of Congress. RISM ID no. 990065693

 

Kategorie: Bibliotheksbestände



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