Der Kantatenjahrgang X (1737/38) von Gottfried Heinrich Stölzel

Wir haben den folgenden Beitrag von Christian Ahrens (Berlin) erhalten:

Bemerkungen zu den Kantaten des Jahrgangs X (1737/38) von Gottfried Heinrich Stölzel in der Sammelhandschrift Mus.ms 40370 der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz


In seiner 1976 publizierten Arbeit zum Kantatenschaffen des Gothaer Kapellmeisters Gottfried Heinrich Stölzel (1690–1749) ging Fritz Hennenberg von 414 ganz oder fragmentarisch durch Noten überlieferten geistlichen Kantaten aus (S. 13). Hinzu kamen mehr als 300 Werke, die ausschließlich durch Textdrucke bzw. „nur durch Textinzipits, Titel oder Daten“ (Ebd., S. 158) nachgewiesen waren. Von den insgesamt zwölf überlieferten Kantatenjahrgängen – entstanden zwischen 1720 und 1744 – war der Jahrgang X (1737/38) nur mit acht Werken vertreten (Ebd., S. 15f). 1993 gelang Hartmut Hell der Nachweis, dass der Inhalt einer seit langem bekannten Sammelhandschrift – Signatur Mus.ms. 40370 – der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek mit 51 Kantaten eines nicht genannten Komponisten zweifelsfrei Gottfried Heinrich Stölzel zugeschrieben werden kann und dass alle dort enthaltenen Werke zum Jahrgang X gehören. Eine Auflistung der Kantaten dieser Handschrift mit Angaben zur Besetzung sowie mit den musikalischen Incipits erschien 1997 im Katalog Die Signaturengruppe Mus.ms 40 000 ff

Die Anordnung der Kantaten in der hier diskutierten Handschrift folgt dem Ablauf des Kirchenjahres. Weil ihre Anzahl lückenhaft ist, hatte Hell Kantaten, die nach Hennenbergs Untersuchung die gleichen strukturellen Spezifika wie die in Mus.ms 40370 überlieferten Werke aufweisen, aus anderen Berliner Beständen (Mus.ms 21412 der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz) herangezogen, um die vermutete Originalgestalt des Jahrgangs X zu rekonstruieren. Die aus den Handschriften der Signaturgruppe Mus.ms 21412 ergänzten sieben Kantaten sind von einem unbekannten Schreiber im Inhaltsverzeichnis des jeweiligen Konvoluts als von Stölzel stammend bezeichnet; es handelt sich nach Hells Zählung um die Nummern 1; 2; 4; 23; 25; 26; 28 (in der Zählung des Textdrucks, s. unten, die Nr. 2; 3; 5; 28; 33; 34; 37). 

Bedauerlicherweise hatte Hell übersehen, dass sich im Bibliotheksbestand des Schlosses Friedenstein in Gotha ein Textdruck des kompletten Jahrgangs erhalten hat (Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt, Signatur Cant.spir 8° 878. Erstaunlicherweise hat auch Hennenberg diesen Textdruck nicht gekannt.). Der Titel lautet:

Musicalisches Lob= und Danck=Opfer des Friedensteinischen Zions, dem grossen GOTT zu Ehren Sonn= und Festtäglich vom Advent 1737. bis dahin 1738. gebracht, und auf Hochfürstl. gnädigsten Befehl harmonisch= und poetisch abgefasset von Gottfried Heinrich Stöltzeln, F. S. Capellmeister. Gotha, Gedruckt bey Johann Andreas Reyhern, privil. Hof=Buchdrucker.

Das Musicalische Lob- und Dank-Opfer umfasst 71 Texte. Hell hatte insgesamt 72 Kompositionen vermutet und konnte insgesamt 58 im Berliner Bestand identifizieren Insgesamt 60 Kantaten sind vollständig in Noten überliefert, weitere zwei unvollständig (nur Eingangschor). Neun Kantaten lassen sich allein durch den Textdruck belegen, ihre Musik ist nach derzeitigem Kenntnisstand verloren. Es sind dies die Kantaten Textdruck-Nr. 15; 16; 17; 29; 30; 36; 61; 62; 68. 

Eine wichtige Quelle für den Kantatenjahrgang X ist die Handschrift Am.B 568 aus der ehemaligen Amalienbibliothek, die dem nicht zeitgenössischen Titelblatt zufolge „Vierzehn Kirchenmusiken“ von „G. H. Stölzel“ enthält (vgl. Abbildung des Titelblatts); ausnahmslos alle Stücke dieser Sammelhandschrift gehören ihm zu. Allerdings sind lediglich die jeweiligen Eingangschöre notiert. Für zwei Kantaten, Nr. 6 und 7 des Textdrucks, handelt es sich um Unikate, für die übrigen zwölf Kantaten liefert die Handschrift Dubletten.

Eingangschöre von Kantaten des Stölzelschen Jahrgangs X finden sich in einer weiteren Sammelhandschrift der Staatsbibliothek Berlin: Am.B 597 – Hennenberg hatte sie in seiner Arbeit nicht berücksichtigte; auch Hell erwähnt sie nicht. Der handschriftliche Titel aus späterer Zeit auf dem Umschlag lautet: „Fünfundzwanzig Kirchenmusiken für bestimmte Sonntage“, ein Komponistenname fehlt. Wie bekannt, stammen alle Kantaten, von denen ebenfalls nur die Eingangschöre notiert sind, von Stölzel. Vier Kantaten zählen zum Jahrgang X (Nummern des Textdrucks 9; 10; 18; 19; Am.B 597 (3–6). Für diese und weitere Hinweise auf Doppelüberlieferungen danke ich dem Kollegen Bert Siegmund, Stiftung Kloster Michaelstein, der derzeit ein Stölzel-Werkverzeichnis vorbereitet. Es handelt sich ausnahmslos um Dubletten, die Kantaten sind in Mus.ms. 40370 jeweils vollständig überliefert. Die restlichen 21 Eingangschöre gehören zum Jahrgang XII (1743/44). Ein Textdruck zu diesem Jahrgang befindet sich in der Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt; Signatur Cant.spir 8° 876.

 


Abbildung: Titelseite des Librettos des Kantatenzyklus. Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt, Cant.spir 8° 878. Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Autors (CC BY-SA).

 

Kategorie: Bibliotheksbestände



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