Eine bisher unbekannte Lautentabulatur

Dieser Beitrag stammt von Dieter Kirsch:

Nicht allzu oft kommt es vor, dass heutzutage in öffentlichen Sammlungen noch Gegenstände auftauchen, die bislang der Forschung verborgen geblieben sind. Von einem solchen Fall soll im Folgenden kurz berichtet werden.

Unter den Musikhandschriften der Stadtbibliothek Braunschweig (D-BSstb), die derzeit von der RISM-Arbeitsstelle München katalogisiert werden, befindet sich eine Lautentabulatur mit der Signatur C 39 2°, die in den einschlägigen Quellenverzeichnissen von Wolfgang Boetticher und Christian Meyer nicht verzeichnet ist. Es handelt sich dabei um einen gut erhaltenen Prachtband aus Leder mit Goldprägung und insgesamt 175 Blättern, die alle rastriert, viele aber ohne Einträge geblieben sind (RISM ID no. 1001001091). Insgesamt sind 64 Stücke in französischer Tabulatur notiert, drei davon - darunter ein Lautenduett - sind als lose Blätter eingelegt. Als Instrument wird eine Laute in Renaissance-Stimmung mit sieben, in zwei Fällen mit acht Chören erfordert.

Gleich zu Beginn hat sich der Hauptschreiber als „Nicolao Ficcio“ zu erkennen gegeben und teilt mit, dass er das Buch im November 1594 begonnen hat. Die geplante Einteilung des Inhalts ist nicht zu übersehen. Den Beginn machen Präludien durch die Kirchentonarten sowie weitere Präambeln, deren Zählung bis 30 läuft. Abgesetzt durch Leerseiten folgen vier Motettenintavolierungen; danach, ebenfalls nach Leerseiten, schließt sich eine Reihe von Passamezzi an, die aus 21 nummerierten Teilen besteht. Von den im Folgenden vorgesehenen dazugehörigen Saltarelli zeugt nur die Überschrift. Mit einigem Abstand bilden ein „Passomezo Milanese“ sowie polnische Tänze von der Hand eines zweiten Schreibers den Abschluss.

Zweifellos ist die Handschrift im östlichen Raum des Ostseegebietes entstanden. Dafür spricht zum einen, dass im Titel des „Passamezo Milanese“ die Stadt Riga erwähnt ist (RISM ID no. 1001001664). Weitere Belege liefern die in Überschriften genannten Komponisten „Diomedes“ (= Diomedes Cato), „Caspari Sieleczkego“ (= Kasper Sielicki) und „Alberto Ambrosio Dlughoray“ (= Wojciech Długoraj), die in polnischen Diensten standen. Zwei weitere Namen von Lautenisten, „Beichovius“ und „Spalkaiber“ (Spalkauer?) sind noch genauer zu definieren. Schließlich bestätigt auch das Wasserzeichen die Herkunft: Gleiches Papier ist in Dorpat (Tartu) 1594 und Reval 1604 nachgewiesen.

Die Signatur C 39 verrät, dass der Band aus der Privatbibliothek des Braunschweiger Stadtsyndikus Johann Camman (1584–1649) stammt, dessen bedeutende Büchersammlung den Grundstock der heutigen Braunschweiger Stadtbibliothek bildete.

Bislang ließen sich für 22 Stücke Konkordanzen aus Drucken mit Werken von Matthäus Waissel 1573 und 1591, Giulio Cesare Barbetta 1582 und Emmanuel Adriaensen 1592 feststellen, die meisten übrigen sind vermutlich Unica. Nicht nur diese Tatsache verleiht dem Tabulaturband besondere Bedeutung. Auch der Inhalt ist - soweit es die Einträge des Hauptschreibers betrifft - von hohem professionellen technischen Anspruch.

Insgesamt liegt damit ein Band vor, der interessante neue Einblicke in das Repertoire der Lautenmusik des ausgehenden 16. Jahrhunderts eröffnet und vielleicht als Anregung dient, weitere Forschungen zu den darin genannten unbekannten Musikern anzustellen.

Herr Dr. Helmut Lauterwasser, der die Handschrift bearbeitet, hat seine Erkenntnisse bereitwillig mitgeteilt, wofür ihm mein besonderer Dank gilt.


Dieter Kirsch


Bei Fragen zur Erschließung dieses Bestandes durch RISM wenden Sie sich bitte an Dr. Helmut Lauterwasser, RISM-Arbeitsstelle München:
E-Mail: Helmut.Lauterwasser[at]bsb-muenchen.de
Telefon: +49 (0) 89 28638-2884.

Bei allen anderen Fragen (Benutzung, Bestellung von Reproduktionen usw.) wenden Sie sich bitte direkt an die Stadtbibliothek Braunschweig:
E-Mail: : stadtbibliothek[at]braunschweig.de
Telefon: +49 (0) 531 470-6835.

 

Abbildung mit freundlicher Genehmigung der Stadtbibliothek Braunschweig.

Kategorie: Wiederentdeckt



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